19. Koblenzer Poliotag: Volles Haus sieht anders aus

Bisher gehörte auf dem Rheinland-pfälzischen Poliotag eine prall gefüllte Hütte quasi zum guten Ton. Nun aber scheinen auch in Koblenz die Tage vollbesetzer Polio-Ränge gezählt zu sein. Von Ruth-Ellen Schöpfer

Brüderhaus St. Josef: Seit Jahren die Heimat des Koblenzer Polio-Tages (Foto: Brüderhaus)

Brüderhaus St. Josef: Seit Jahren die Heimat des Koblenzer Polio-Tages (Foto: Brüderhaus)

Nichts bleibt wie es ist. Auch nicht in Koblenz. Der offenbare Besucherschwund beim rheinland-pfälzischen Poliotag am 22. September hatte vermutlich auch mit der bisherigen Organisatorin des Events zu tun. Die hatte nämlich in den abgelaufenen Jahren nahezu jedesmal für ein volles Haus zu sorgen gewusst. Erika Höfs ist aber im Sommer diesen Jahres gestorben. Die rheinland-pfälzische „Mutter aller Polios“ hat nicht nur beim Koblenzer Poliotag eine klaffende Lücke hinterlassen. Auch die neuen Organisatoren der Gesundheitsveranstaltung treten ein schweres Erbe an. Dass der 19. Poliotag in Koblenz aber auch ohne Erika Höfs ziemlich gut funtionierte, ist dennoch keine Überraschung.

Genau wie der Ortsverband DRK Ochtendung wird der jährliche Poliotag in Koblenz ohne Erika Höfs nie mehr derselbe sein (Bild: Todesanzeige des DRK Ortsverbandes Ochtendung zum Tod seines Mitglieds Erika Höfs)

Komplexe medizinische Sachverhalte in einfacher Sprache

Zunächst führte Dr. med. Axel Ruetz in das Schwerpunkt-Thema der Veranstaltung „Post-Polio-Syndrom und neurodegenerative Erkrankungen – Differentialdiagnose und Gemeinsamkeiten in der Behandlung“ ein. Der Chefarzt der Abteilung Konservative Orthopädie/Polio-Zentrum des Katholischen Klinikums Koblenz hatte schon in den vergangenen Jahren immer wieder routiniert durchs Programm geführt und zeigte auch in diesem Jahr sowohl bei der Auswahl der Referenten als auch bei seiner Führung durch den Poliotag eine glückliches Händchen.

Auch der Referent des Vortrags „Post-Polio-Syndrom als Differentialdiagnose bei Erkrankungen von Nerv und Muskel“ wusste zu überzeugen. Prof. Dr. med. Reinhard Dengler gestaltete sein Referat mit Hilfe des Fallbeispiels einer Frau, die mit 2 ½ Jahren an Polio erkrankt war. Im dargestellten Werdegang der Patientin wussten sich viele der anwesenden Poliobetroffenen wiederzufinden.

Dem Neurologen von der Medizinischen Hochschule Hannover gelang es jedenfalls mühelos, den interessierten Besuchern die komplexen medizinischen Sachverhalte durch eine einfache und verständlichen Sprache zu vermitteln. Immer am praktischen Fall orientiert, war ihm die volle Aufmerksamkeit des angereisten Auditoriums stets sicher.

Der Schweizer Neurologe Dr. med. Tröger bei seinem Vortrag auf dem 19. Koblenzer Poliotag (Bild: Ruth-Ellen Schöpfer)

Der Schweizer Neurologe Dr. med. Tröger bei seinem Vortrag auf dem 19. Koblenzer Poliotag (Bild: Ruth-Ellen Schöpfer)

Keine positiven Ergebnisse mit Immoglobin erzielt

Anschließend ging Thomas Bach auf die „Behandlungsgemeinsamkeiten und -unterschiede bei PPS und neurodedegenerativen Erkrankungen in der Physiotherapie“ ein. Leider musste der Referent aus Mangel an zur Verfügung stehender Veranstaltungszeit seinen Vortrag kürzen. Dabei waren gerade die Ausführungen des Physiotherapeuten für die anwesenden Betroffenen von besonders großem Interesse. Handelt es sich bei der (richtig angewandten) Physiotherapie doch um eine tragenden Säule im Behandlungskonzept für Polio-Betroffene. Hier die Unterschiede in der Behandlung zu anderen degenerativen Erkrankungen herauszustellen, war jedenfalls eine ziemlich gute Idee.

In der anschließenden Mittagspause hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich zu stärken. Wie gewohnt wurde der Veranstaltungsbreak aber auch rege dazu genutzt, sich untereinander auszutauschen. Ohnehin ist der Koblenzer Poliotag immer eine gute Gelegenheit, alte Bekannte zu wieder zu treffen.

Nach der Mittagspause referierte der Neurologe und Spezialist für die Poliospätfolgen Dr. med. Mathias Tröger über das Thema „Neuromuskuläre Erkrankungen – nicht nur das Post-Polio-Syndrom“. Die Vorträge des aus der Schweiz angereisten Neurologen sind aus meiner Sicht sehr fachlich gehalten. Für medizinisches Fachpersonal gewiss eine prima Sache. Manch einem Laien dürfte es aber schwer gefallen sein, dem Vortrag inhaltlich in allen Belangen zu folgen.

Der Referent verglich in seinem Vortrag das Post-Polio-Syndrom (PPS) mit anderen neurologischen Erkrankungen, wie der Multiplen Sklerose (MS), der Parkinsonschen Erkrankung, der Cerebralparese und dem Schlaganfall.

Interessant war auch der Hinweis von Tröger auf die Ergebnisse einer größer angelegten Studie, in der an Post-Polio-Patienten Behandlungen mit Immoglobin durchgeführt wurden. Nach Einschätzung des Referenten hätten die Studien aber nicht zu wirklich positiven Ergebnissen bei der Behandlung der Probanden geführt.

Die Orthopädietechnik und der 3-D-Drucker

Für das Schwerpunktthema der Veranstaltung war einmal mehr Dr. med. Axel Ruetz zuständig. Er verwies in seinen Vortrag „Behandlungsgemeinsamkeiten bei PPS und neurodedegenerativen Erkrankungen in der Orthopädietechnik“ unter anderem darauf, dass der 3-D-Drucker auch in der Orthopädietechnik längst mit wehenden Fahnen Einzug gehalten habe.

Am einem Beispiel demonstrierte Ruetz, wie die neuen Orthesen ausgemessen und angepasst werden. Der Chefarzt der Abteilung Konservative Orthopädie/Polio-Zentrum des Katholischen Klinikums Koblenz verwies darauf, dass leider immer noch viele Betroffene alte Orthesen-Modelle bevorzugten, obwohl sich die vor allem durch ein oft sehr hohes Gewicht auszeichneten.

Insofern „ermutigte“ der Referent betroffene Orthesenträger, sich auf die neueren Modelle einzulassen, da diese je nach Ausführung nicht nur deutlich leichter zu tragen seien. Sie böten oft auch eine Vielzahl anderer technischer Verbesserungen.

Ein Landesvertreter der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e. V. (DMG) berichtete noch über die inzwischen Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Poliomyelitis e. V.. Das Post-Polio-Syndrom hat inzwischen einen festen Platz auf der Webseite des Verbandes unter „Muskelerkrankungen“ zu finden und erläutert.

Um etwa 16.45 Uhr gingen in Koblenz die Veranstaltungslichter aus, weil nun auch der 19. Koblenzer Poliotag schon wieder Geschichte war.

Was bleibt von der Veranstaltung?

Ein leicht fader Beigeschmack? Viele anwesende Betroffene dürften sich jedenfalls einen würdevolleren Umgang mit dem Tod von Erika Höfs gewünscht haben. Schließlich hatte sich die rheinland-pfälzische Poliopowerfrau der ersten Stunde für den BV Poliomyelitis e. V. im allgemeinen und den Poliotag Rheinland-Pfalz im speziellen jahrelang sehr erfolgreich und immer wieder mächtig ins Zeug gelegt. So fühlte sich die eher kurz geratene und etwas lieblos wirkende Würdigung der Verstorbenen ein bisschen so an wie eine unvermeidbare Pflichtübung. Eine in die Veranstaltung integrierte gemeinsame Schweigeminute wäre aus meiner Sicht jedenfalls angemessen gewesen.

Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht den Vortrag des Physiotherapeuten zu kürzen und stattdessen die fehlende Veranstaltungszeit an anderer Stelle wieder hereinzuholen. Schließlich ist gerade die Physiotherapie für viele Poliobetroffene im praktischen Sinne besonders wichtig und von großem Interesse.

Den Veranstaltern des Poliotages ist, besonders anlässlich des im nächsten Jahr anstehenden 20-jährigen Jubiläums, jedenfalls wieder ein bis auf den letzten Platz gefülltes Auditorium zu wünschen. Hier stellt sich jedoch die bange Frage, wer denn die notwendige Zeit und Muße aufbringen kann und will, mit ähnlich viel Herzblutz einen Poliotag zu organisieren, wie Erika Höfs das zu tun pflegte.

Unterm Strich war für mich auch in diesem Jahr das „Deutsche Mekka für Polios“ unbedingt wieder eine Reise wert.

Anmerkung der Redaktion: In Kürze soll auf der Webseite des Bundesverbandes Poliomyelitis e. V. ein Video der durchgeführten Veranstaltung zur Verfügung stehen. Leider ist nicht bekannt, wann das der Fall sein wird.

Über die Autorin:

Die Autorin des Artikels ist ausgebildete Lotsin und hilft behinderten Menschen dabei, sich durch den Dschungel von Paragrafen und Behörden zu kämpfen, um Hilfen zu bekommen (Foto: privat)

(Foto: Ruth-Ellen Schöpfer privat)

Ruth-Ellen Schöpfer ist selbst von den Poliospätfolgen betroffen und leitet in Köln seit 2008 eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Kinderlähmungsfolgen. Als ausgebildete Lotsin hilft sie ausserdem anderen behinderten Menschen dabei, sich durch den Dschungel von Paragrafen und Behörden zu kämpfen, um Hilfen zu bekommen.

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