„Jimmy McCall“ von Tom House – eine Buchempfehlung

Der „Jimmy“ ist eines dieser Bücher, die man einfach solange nicht wieder aus der Hand legen mag, bis man damit durch ist. Von Lothar H. Epe

Empfehlung der Redaktion: „Jimmy McCall“ von Tom House (Umschlag Taschenbuchausgabe Jimmy McCall)

Polionauten sind eine seltsame Spezies. Schon für die Erledigung profaner Alltagsgeschäfte benötigen sie die Kraftreserven eines Marathonläufers. Trotzdem verspüren Poliobetroffene diesen unbändigen Ehrgeiz als dringendes Bedürfnis, alles immer noch einen deutlichen Schlag besser zu machen, als „Normalsterbliche“. Und als wenn da noch nicht ausreichte, sind sie oft auch noch die Meister der Tarnkappe, weil ja schließlich jederglauben soll, dass ihnen die Dinge mit sprichwörtlicher Leichtigkeit von der Hand gehen, obwohl sie sich bis zur Erschöpfung anstrengen müssen.

Der Mann mit der Tarnkappe

Der erste Aspekt hat mit ihrer Grunderkrankung zu tun. Um den normalen Alltag zu bewältigen, müssen ihre durch die Polio vorgeschädigten Muskeln und das durch den Virus in Mitleidenschaft gezogene Gehirn einfach mehr leisten, als der „Normalsterbliche“.

Der zweite Aspekt hat wohl eher psychologische Ursachen. Die Psychologie nennt das wohl Überkompensation. In Ihrer Kindheit und Jugend hat man den meisten Poliobetroffenen geradezu eingeimpft, sie müssten nur immer fleißig üben, üben und nochmals üben… Dann würde alles gut und ihre Muskulatur würde dann irgendwann und annähernd wieder das leisten können, was die von gesunden Menschen zustande bringt. Möglicherweise ein Trugschluss, wie sich nach Jahrzehnten eines vermeintlich normalen Lebens herausstellt, denn viele Betroffene leiden heute unter dem sogenannten Post-Polio-Syndrom. Heute sieht man die Ursache hierfür vor allem in einer dauerhaften Überlastung der durch die Polio vorgegeschädigten Muskulatur. Und wohl auch der des Gehirns. Denn das Gehirn ist bei dieser tückischen Vorusinfektion immer mitbetroffen.

Auch der dritte Aspekt ist jedenfalls verständlich. Wer gibt schon gerne zu, dass er sich ständig übernimmt bei dem Versuch, besonders gut zu sein, zumal, wenn er schon im Alltag fast zusammen bricht?

Ein besonders interessantes Exemplar dieser Gattung ist Tom House. Tom hat in seinem Leben schon viel gemacht. Er war britischer Geheimagent, hat jahrelang ein eigenes Unternehmen geleitet, er engagiert sich seit vielen Jahren für andere Poliobetroffene und hat sich immer wieder erfolgreich auch in viele andere soziale Projekte eingebracht. Undd zwei Romane hat er bisher veröffentlicht.

Unermüdlicher Kämpfer gegen die Widrigkeiten des Lebens

Der Roman, von dem hier die Rede ist, ist der „Jimmy McCall“. Es geht in in diesem atobiografischen Roman um einem schottischen Jungen, der während des II. Weltkrieges in den Western Highlands in Schottland geboren wird und nach dem Krieg an der Ostküste Schottlands unter widrigsten Umständen aufwächst. Im biografischen Hintergrund – ein englischer Vater, hochgebildet und aus gutem Haus, aber vom Krieg traumatisiert – eine einfache aber liebende schottische Mutter, die Schwierigkeiten hat, mit ihren Kindern und ihrem Mann fertig zu werden und letztlich ein zwei Jahre älterer Bruder, der ihm, von Missgunst und Eifersucht getrieben, das Leben zur Hölle macht.

Dabei ist Jimmy ein unermüdlicher Kämpfer, dem die Widrigkeiten des Lebens, denen er sich im Laufe seiner Kindheit und Jugend stellen muss, nichts anzuhaben scheinen.Ein typischer Polionaut eben.

Als Kleinkind wird er für zwei Jahre von seinen Eltern getrennt. Mit sechs Jahren wird er von einer damals herrschenden Kinderlähmungsepidemie heimgesucht und viele Jahre mit deren Folgen fertig werden müssen – spastische Lähmungen, Hänseleien und vom eigenen Vater als Krüppel und wertloses Geschöpf abgestempelt.

Ständig in einem Dauerkonflikt zwischen seiner Aversion gegen die Engländer, deren Ursprung sein strenger, instabiler und geiziger Vater zu sein scheint, und seiner großen Zuneigung zu den liebevollen schottischen Verwandten, meistert er mit Mut und Geschick und seiner unbändigen Abenteuerlust so manche heikle Situation, jedoch nicht ohne seine Dauerbegleiter Trennung und Schmerz.

Zeitreise durch die Kindheit

Der Roman ist eine Zeitreise durch die Kindheit und Jugend des Autors, die wegen der Polioerkrankung, den wirtschaftlich schwierigen Kriegs- und Nachkriegsjahren und wegen der eher komplizierten Familienverhältnisse problematisch verläuft. Dennoch vermittelt uns der Autor während des Lesens durchaus vergnüglich und kurzweilig zu lesenden Romans den Eindruck, Jimmy ginge aus diesen Erlebnissen gestärkt hervor.

Vom Abgeschoben sein ist die Rede, und von mageren Zeiten, von schweren Wintern und von einem Vater, der ständig seine Beherrschung verliert, von Panik aufgrund einer Kinderlähmungsepidemie und von Trennungsschmerz. Aber auch davon, wie man ein Baby macht und von der Sehnsucht. Vor allem aber wird der Roman von tiefer Zuneigung und Freundschaft bestimmt.

Dabei geht der Autor konsequent chronologisch vor, indem er, wie sollte es anders sein, einfach vorne anfängt und hinten aufhört.

So besteht der Roman aus chronologisch angeordneten „Kurzgeschichten“, die jede einzelne für sich gut lesbar ist und die in der Summe einen sehr bewegenden Roman ergeben. Das ist in mehrfacher Hinsicht clever angelegt. Vor allem aber was die kurzweilige Lesbarkeit angeht.

Für mich ist es eines dieser Bücher, die man bestenfalls solange nicht wieder aus der Hand legt, bis man damit durch ist.

Um ehrlich zu sein: Als ich damit angefangen hatte, „den Jimmy“ zu lesen, tat ich das zunächst mit dem Vorurteil, dass sei sicher wieder eines von den Büchern aus der Abteilung: „Mein Leben mit Polio, „wie ich mit meiner schwere Behinderung fertig wurde“ oder „wie ich es schaffte nicht aufzugeben, obwohl ich ein armes Schwein war“.

Kurze Sätze und sinnliche Lebendigkeit

Doch schon nach den ersten 15 Seiten war dieses Vorurtteil komplett ausgeräumt. Ich war so fasziniert von den verschiedensten Facetten dieses nicht sehr langen und vor allem kurzweiligen Romans, dass ich es kaum zum Mittagessen aus der Hand legen wollte, weil ich unbedingt wissen musste, wie die Geschichte ausgeht.

Das Buch ist in weiten Passagen in kurzen Sätzen gehalten, was für eine kurzweilige „Lesbarkeit“ sorgt und dem Roman eine sinnliche Lebendigkeit schenkt. Der Roman ist immer „auf den Punkt“ geschrieben und kommt leicht ohne irgendwelche Schnörkel aus. Den vermeintlichen Kritikern, die bemängeln wollten, dem Schreibstil des Autors fehle es an der einen oder anderen Stelle an der für ein großartiges Buch nötigen schreibtechnischen Brillanz, sei entgegen gehalten, dass ich es ausdrücklich genossen habe, wie der Autor dadurch brilliert, dass er so schreibt, wie ihm „der Schnabel gewachsen“ ist, und zwar ohne dabei auch nur an einer einzigen Stelle ins Triviale abzugleiten, ins schnulzige, ins wehleidige zu abrutschen.

Ja, ich habe auch viel gelacht beim lesen. Sehr oft hat mich der autobiografische Roman auch den Schmerz noch mal spüren lassen, den ich als Kind wegen meiner Polio immer wieder tragen musste. Immer mal wieder, während ich trotzdem einfach weiter lesen musste. Immer mal wieder habe ich den Schmerz des Autor buchstäblich selbst empfunden und erlitten.

Tom House gibt durch seinen unbekümmerten Schreibstil einen faszinierenden Blick frei auf eine Kindheit, in der sich der eine oder andere Poliobetroffene selbst leicht wieder finden kann, in der aber ein anderer vielleicht nur den Blick auf eine spannende Geschichte wirft, weil er selbst von der tückischen Viruserkrankung verschont blieb. Und die ihn deshalb faszinieren mag, weil sie so gnadenlos authentisch daher kommt.

Ein Buch nicht nur für Poliobetroffene

Eine Geschichte im Übrigen, die uns auch keine Details erspart, soweit sie zu einer fruchtbaren Darstellung der Geschichte beitragen. Die uns aber auch Einzelheiten erspart, wenn sie die Story nicht voranzutreiben in der Lage sind.

Dieses Buch empfehle ich deshalb nicht nur jedem Poliobetroffenen, sondern auch dem Leser, der auf der Suche ist. Nach einer spannend und witzig, gefühlvoll und traurig, mitfühlend und liebevoll erzählten autobiografischen Geschichte über einen sehr interessanten Menschen. Der kein Held ist. Eher wie Du und ich daher kommt. Einem ganz besonderem Exemplar der „Polionauten“, wie sich die Poliobetroffenen gern selber sehen.

Der Roman ist als Taschenbuchausgabe im Litera Verlag erschienen, (ISBN 978-3-00-024418-6), hat ca. 200 Seiten und kostet 14.90 Euro.

Der Roman liegt inzwischen auch in englischer Sprache unter dem Titel „Green Fields on a Dusty road“ vor.

Außerdem von Tome House erschienen:
Der Thriller „Spies and Sacred Lies“ (in englischer Sprache)
(Edition Fischer, ISBN 978-3-89950-302-9)

Kaufempfehlung der Redaktion: Den „Jimmy McCall“ direkt beim Verlag kaufen, da er dort deutlich preiswerter zu bekommen ist, als z. B. über Amazon.de, wo zuletzt Restexemplare in gebrauchter Qualität zu völlig überhöhten Preisen angeboten wurden:

Litera-Verlag Rottweil
Tel. 0741-9494494, Fax 0741-6082 Email: grimmheinz@t-online.de

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