Kolumbus, die schwarze Barabara und ein indischer Spargeltarzan

„Schmeiß die Pille rein!“ – Das hat in unserem Fall mit Verhütung ziemlich wenig zu tun. Dann schon eher etwas mit dem sportlichen Ehrgeiz von ein paar Reha-Absolventen. Von Paul Cramer

Paul Cramer würde auch problemlos als Kolumbus durchgehen (Foto: privat)

Paul Cramer würde auch problemlos als Kolumbus durchgehen (Foto: privat)

Hey, sagte sie.
Hey, sagte ich, komm rein.
Sie schaute sich in meinem Zimmer um und setzte sich auf den zweiten Sessel.

Und- , meinte sie, was machst du so?
Ach, sagte ich, ich schreib so’n bisschen.
Ja? Was schreibst du denn? N’Brief?
Nee, nicht so direkt. Ich schreib’n Tagebuch.
Ach, das ist ja interessant. Ein Tagebuch über deinen Aufenthalt hier in der Reha?

„Was für eine Krankheit hast Du eigentlich?“

Na ja, so ungefähr. Aber es ist ein Tagebuch, das ich später veröffentliche.
Wie veröffentlichen? Dann kann es ja jeder lesen!
Na ja, ich schreib immer auf, was hier täglich so passiert und dann setz ich das ins Internet und die Leute können das dann lesen.
Meinst du, das interessiert jemanden?
Na ja, einige vielleicht, die die gleiche Krankheit haben.-

Was für eine Krankheit hast du eigentlich?
Post-Polio.
Nie gehört. Was genau ist das?
Ach, erzähl ich dir’n andermal.

Ok, darf ich das mal lesen, was du so schreibst?
Na ja, eigentlich,- ich weiß nicht so recht, – na gut. Hier.

Ich klicke das Reha-Tagebuch 1 an und drehe den Laptop in ihre Richtung. Sie schiebt ihren Sessel neben meinen und legt beim Lesen den Arm um mich.

Nicht schlecht, meint sie, als sie mit dem ersten Teil durch ist. Und wie geht es weiter? Los komm, stell dich nicht so an. Wenn es alle lesen können, darf ich das auch, oder?

Sie klickte sich jetzt durch die einzelnen Kapitel, schüttelte manchmal mit dem Kopf und machte ab und zu eine Bemerkung wie „krass“, „oh Mann“, oder „au weia“.

Ach, sagte sie plötzlich, schau mal an, die Adelheid, die kenn ich, mit der bin ich in der Gymnastik-Gruppe.
Und der Werner sitzt neben dir? Ich glaub´s nicht! Der alte Sack wollte mich mal anbaggern.

Ach lass mal, sagte ich, der ist eigentlich ganz nett.

Ach und hier der Bhatti, den find ich ja total süüüüß!
„Das war mir klar“, meinte ich.

Und – sagte sie schließlich, komm ich da auch drin vor?
Na ja, sagte ich, so zum Schluss’n bisschen.
Ich war mir jetzt nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, ihr dieses Tagebuch zu zeigen. Aber jetzt war es eh‘ zu spät.

Sie las weiter.

Die schwarze Barbara

Ich fasse es nicht, sagte sie plötzlich. Du nennst mich die Schwarze Barbara?
Na ja, sagte ich, nicht direkt. Es ist eigentlich mehr literarisch gemeint.

Literarisch?

Na ja, antwortete ich, manche Dinge muss man eben etwas anders schreiben, als sie wirklich sind. Sonst ist es zu langweilig für den Leser.

Das heißt, du hast das alles hier erfunden?
Ne, eigentlich stimmt alles. Na ja, ergänzte ich vorsichtig, fast alles!

Sie las weiter, lachte zwischendurch ein paar Mal laut auf, dass ich schon Angst hatte, die Oberschwester könnte sie hören.

Gefällt mir, sagte sie zum Schluss. Aber jetzt genug mit deinem komischen Tagebuch.

Sie klappte den Deckel des Laptops zu und küsste mich.

„Und jetzt?“, meinte sie.

„Mmh“, sagte ich, machte eine kleine Pause, sah dabei in ihre dunklen Augen und tat so, als würde ich nachdenken.
Mein Blick fiel auf das Bett. Ziemlich schmal, oder? sagte ich.
Wieso? fragte Barbara, ist doch genau richtig.

Wir legten uns in die schmale Koje und lagen eine Zeitlang still nebeneinander.
Die Zimmer sind hier ziemlich hellhörig, meinte ich.

„Ach ja?“, sagte sie, „hast du Angst, dass jemand was mitkriegt?“
„Na ja“, sagte ich.“ Was ist, wenn man dich jetzt sucht in deinem Zimmer?“
„Die Schwarze Barbara sucht keiner“, meinte sie nur und lachte. „Höchstens Heino“!

Draußen braute sich ein Unwetter zusammen, gewaltige Blitze zuckten am Himmel und erleuchteten für kurze Sekunden das kleine Zimmer.
Gut, dass es donnert, sagte die schwarze Barbara. „Da hört man uns nicht.“

„Nur ein Wort davon im Internet und Du bist tot! Doppelt tot!“

Gegen 5 Uhr bemerkte ich, dass sie schon aufgestandenen war. Sie hatte sich angezogen, fuhr mir zum Abschied mit der Hand durchs Haar, küsste mich dabei und flüsterte mir zum Abschied ins Ohr: „Wenn ich auch nur ein Wort von dieser Nacht im Internet wiederfinde, bist du so gut wie tot!“

„Ach wie schade“, sagte ich grinsend, noch im Halbschlaf, – „die Leser würden‘s aber gerne wissen und warten schon darauf!“

„Tot! wiederholte sie. Doppelt tot!“

…..

Der nächste Tag verlief ohne besondere Ereignisse. Ich absolvierte meine Therapiestunden wie vorgeschrieben und hatte am späten Nachmittag wieder Schwimmen mit Bhatti. Wohl um uns direkt den Wind aus den Segeln zu nehmen, begann er heute seine Schwimmstunde mit den Worten: heute machen wir mal einige Übungen ohne Ball.

Ach Bhatti, riefen wir, komm, sei kein Frosch! Schmeiß die Pille rein!

Bhatti wollte sich partout nicht erweichen lassen und sagte: „Nein, das letzte Mal war mir das schon viel zu gefährlich!“

„Bhatti, Bhatti, Bhatti“ riefen jetzt alle 6 Patienten im Becken im Chor, „komm schon! Ohne Ball ist es immer so langweilig!“

Bhatti blieb hart.

„Wenn wir keinen Ball kriegen, schmeißen wir dich ins Wasser!“

Bhatti überlegte einen Moment, sah uns an und versuchte unsere körperliche Stärke einzuschätzen. „Das schafft ihr eh nicht“, meinte er vorsichtig.

„Ok, Bhatti, du hast es nicht anders gewollt!“

Ich sprang mit den anderen drei Männern aus dem Wasser und wir gingen auf Bhatti zu. Denn obwohl wir alle irgendwelche Muskelerkrankungen hatten, waren wir zusammen immer noch stärker als dieser indische Spargeltarzan. Ihn ins Wasser zu schmeißen, wäre für uns eine leichte Übung gewesen.

Eine der heftigsten Wasserball-Schlachten, die die Reha-Klinik je gesehen hatte

Ok,ok. Hier habt ihr euren verdammten Ball. Aber bitte nicht so feste werfen! Ich verlass mich auf euch“, lenkte er in letzter Sekunde ein.

„Mach dir keine Sorgen, Bhatti, meinte der Helmut mit der künstlichen Hüfte und binnen weniger Sekunden entbrannte wieder eine der heftigsten Wasserball-Schlachten, die die Reha-Klinik je gesehen hatte.

Ich duschte anschließend lange, ging zurück auf mein Zimmer, schaltete mein iPhone an, setzte mir die Kopfhörer auf und hörte Musik. Teach your Children, von Crosby, Stills, Nash & Young. Was für ein Song!

So langsam fing diese Reha an, mir zu gefallen.

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