Verbreitete Irrtümer zum Post-Polio-Syndrom

Überall stößt der poliobetroffene Patient auf Unglauben und arrogante Ignoranz. Er wird als Besserwisser abgetan, wenn er sich gut informiert zeigt. Nicht selten diskreditiert man ihn auch als Psychosomatiker. Von Dr. med. Peter Brauer

Dr. med. Peter Brauer erhält das Bundesverdienstkreuz für seinen Einsatz bei der Betreuung von Patienten mit Poliospätfolgen (Foto: privat)

Bei einer Zahl von etwa 340.000 berufstätigen Ärzten gibt es Schätzungen zur Folge diesbezüglich (Anm. der Red.: im Zusammenhang mit der Behandlung von Menschen mit Poliospätfolgen) nur zwischen 5 und 50 sachkundige Mediziner.

Der allgemeine Kenntnisstand reicht von stark überwiegender Unwissenheit bis zu mit Fehlern schablonenhaft überkommenen oberflächlichen Vorstellungen und Halbwahrheiten, obwohl die landläufig Poliomyelitis oder auch Kinderlähmung genannte Viruserkrankung eine der weltweit am besten erforschten Infektionen ist. Erkenntnisstand und Kenntnisstand differieren aufgrund professioneller arroganter Ignoranz katastrophal. Das aber geht eindeutig zu Lasten der betroffenen Patienten, die mehrheitlich fehldiagnostiziert und in der Folge fehlbehandelt werden.

Bei über einer Million PPS-Patienten in Deutschland muss von einer Rate an Fehldiagnosen von mehr als 99 Prozent ausgegangen werden, wobei in dieser Zahl die asymptomatischen und abortiven Infektionsverläufe mit ihren Spätfolgen enthalten sind. Selbst unter ausschließlicher Berücksichtigung der paralytischen Erkrankungsfälle ist immer noch von etwa bis zu 100.000 Polio-Überlebenden mit ungefähr der gleichen Größenordnung von Fehldiagnosen auszugehen.

Die Erkrankung Post-Polio-Syndrom übersteigt mit wenigen Ausnahmen das Vorstellungsvermögen der nicht davon Betroffenen bis zur völligen Verständnislosigkeit. Diese Verständnislosigkeit reicht von den Familienangehörigen, über Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Ärzte, Krankenkassen, Sanitätsdienste, Physiotherapeuten, Gesundheits- und Sozialbehörden, Gutachterdienste bis zu den Sozialgerichten. Überall muss sich der Betroffene erklären, stößt dabei auf Unglauben sowie arrogante Ignoranz und wird der Besserwisserei bezichtigt, wenn er denn einschlägig informiert ist, nicht selten auch als Psychosomatiker diskreditiert.

Allein wenige Irrtümer verhindern in der alltäglichen Praxis immer wieder eine adäquate PPS-Diagnose. Auf sie soll im Folgenden hingewiesen werden.

„Die Poliomyelitis ist eine Erkrankung der Vorderhörner des Rückenmarkes“.
Diese Aussage besteht aus mehreren Halbwahrheiten.

1. Die Poliomyelitis ist nicht nur eine Erkrankung, sondern bereits als Infektion krankheitswertig, da sie als solche bleibende Schäden im Zentral-Nerven-System (ZNS) hinterlässt, worunter Rückenmark und Gehirn zu verstehen sind.

2. Von der Infektion ist das Rückenmark meistens, das Gehirn stets betroffen. Es handelt sich also genau genommen um eine Polio-Encephalo-Myelitis.

3. Infektion wie Erkrankung führen zu Schäden im ZNS. Im Rückenmark kommt es meistens, im Gehirn immer zu Folgeschäden. Streng genommen wird das Gehirn „bevorzugt“ befallen, das heißt, es wird schon in der Inkubationsphase auf dem Blutweg mehrfach am schnellsten und massivsten von den Polio-Viren erreicht.

4. Nicht nur die Vorderhörner des Rückenmarkes, sondern auch die Seitenhörner und Hinterhörner können betroffen sein, ebenso die Spinalganglien.

„Die Polio-Myelitis ist eine Erkrankung des Alpha-Motoneurons.“ Diese Aussage ist unvollkommen.

1. Es handelt sich genau genommen um eine Polio-Encephalo-Myelitis (siehe oben)

2. Betroffen sein können nicht nur Alpha-Motoneurone, also Nervenzellen, welche die Muskelfasern der Willkürmotorik innervieren, sondern so gut wie alle neuroregulativen Hirnbereiche wie die Hirnaktivierung, die Motorik, die Schmerzregulation, die Temperaturregulation, die Atemregulation, die Stressregulation, die Herz-Kreislauf-Regulation,die Hormonregulation, die Emotionsregulation.

„Der Polio-Erkrankung folgt nach der Genesung eine stabile Phase“.
Diese Aussage ist unvollkommen.

Es handelt sich nicht um eine echte stabile Phase, sondern um eine klinisch stabile Phase mit einem subklinisch instabilen Hintergrund. Die Ausfälle zerstörter Nervenzellen werden durch vorgeschädigte und/oder gesunde Nervenzellen ausgeglichen. Erst ab einem Verlust von etwa 50 % der Nervenzellen in einem Funktionsbereich wird dieser durch Funktionseinschränkung oder Funktionsausfall klinisch sichtbar. Der funktionelle und strukturelle Ausgleichsvorgang unterliegt einem ständigen Auf- und Abbau mit einer auf Dauer begrenzten Größenordnung.

„Die stabile Phase dauert mindestens 10, 15 oder gar 20 Jahre“. Diese Aussage ist unrichtig.

Die Polio-Spätfolge PPS ist eine Verschleißerkrankung der überlasteten ausgleichenden Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark. Ausgleichsvorgänge in der Muskulatur sind davon ebenfalls betroffen. Der Zeitraum bis zu deren Überlastungsversagen ist von der Größe der Vorschäden sowie der Dauer und dem Umfang der relativen bzw. absoluten Belastung/Überlastung abhängig. Er kann von einigen wenigen Jahren bis zu einigen Jahrzehnten ohne obere zeitliche Begrenzung dauern.

„Für eine PPS-Diagnose muss eine Polio-Erkrankung bekannt sein“. Diese Aussage ist unrichtig.

98 % der Polio-Infektionen verlaufen unbemerkt ohne Erkrankung oder uncharakteristisch, haben aber gleichfalls ein PPS-Risiko. Auch klinisch und/oder epidemiologisch wahrscheinliche Infektionen sind bei der Diagnosestellung mindestens im Sinne einer postviralen Spätfolge in Betracht zu ziehen.

„Ein PPS nach einer aparalytischen Polio ist nicht glaubhaft nachgewiesen“. Diese Aussage ist unrichtig.

Ein PPS ist sowohl für den aparalytischen, den abortiven als auch den inapparenten
(asymptomatischen) Infektionsverlauf zu erwarten. Ein glaubhafter Nachweis kommt einem Beweisanspruch gleich, den es auch für den paralytischen Infektionsverlauf nicht gibt. Poliobedingte Schäden sind bei allen Infektionen nachgewiesen. Daraus aber resultiert das Risiko für ein späteres PPS.

„Für eine PPS-Diagnose müssen Erkrankungsfolgen vorliegen. Diese Aussage ist unrichtig“.

Sichtbare Folgezustände wie Muskellähmungen und Muskelschwund müssen nicht vorhanden sein. 99 % der Polio-Infektionen verlaufen ohne Lähmungen und deren Folgen wie Muskelschwund, jedoch nicht ohne PPS-Risiko. Auch können Lähmungen sich in der Erholungsphase nach der Erkrankung zurückgebildet haben.

„Für eine PPS-Diagnose ist eine erhaltene Sensibilität erforderlich“. Diese Aussage ist unrichtig.

Während der Polio-Infektion können Sensibilitätsbereiche wie zum Beispiel Spinalganglien ebenfalls geschädigt werden und später zu PPS-Symptomen führen.

„Für eine PPS-Diagnose müssen mindestens zwei oder mehr charakteristische Symptome vorhanden sein“. Diese Aussage ist unrichtig.

Die Forderung nach mindestens zwei oder mehr vorhandenen Symptomen ist schlechthin medizinischer Unfug. Jedes hinweisende Symptom aus über 100 möglichen kann, muss aber nicht vorhanden sein. Der Virus-Befall der Nervenzellen ist nach Ort und Umfang unregelmäßig, demzufolge auch die Spätfolgen. Außerdem werden schwach ausgeprägte Symptome häufig nicht wahrgenommen oder nicht als krankheitswertig registriert. Ein zumeist anfänglich einziges hinweisendes Symptom reicht für die Verdachtsdiagnose. Beweisende Symptome gibt es nicht. Alle möglichen hinweisenden Symptome können einzeln oder in unterschiedlicher Kombination vorkommen.

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4 Kommentare

  1. Kuntze, Wolfgang-Max sagt am 08.01.2014 um 20:43:

    Dem Autor dieses Artikels kann ich in soweit zustimmen und mich selbst als ein lebendes Beispiel für Fehldiagnosen
    hier vorstellen!
    1938 erkrankte ich an Polio, 1939 wurde ich aus der Klinik mit einem gelähmten Arm (links) entlassen.
    Seit 1971 erlebe ich am rechten Arm eine fortschreitende Lähmung am rechten Arm, der zum jetzigen Zeitpunkt zu 99 % auch gelähmt ist.
    1983 wurde bei einer LVA Untersuchung diese progrediente mono Parese (Muskelatrophie) nicht erkannt.
    1995 wurde Fehldiagnose Plexus Schädigung diagnostiziert.
    2007 wurde die fortschreitende Lähmung erstmals als das Post-Polio-Syndrom diagnostiziert und im Jahr 2008 wurden die vorherigen Fehldiagnosen „Plexus Schaden“ durch ein
    MRT als Ausschlussdiagnose bestätigt.
    Durch die dilettantischen Fehldiagnosen bin ich nervlich traumatisiert und habe jetzt 2 gelähmte Arme.
    Wolfgang-Max Kuntze, Dahlemweg 5 D-65201 Wiesbaden

  2. 1956 im Alter von 4,5 Jahren an Poliomyelitis erkrankt …. ging es mir wie vielen:
    Unverständnis in der Familie und im witeren Umfeld …. ignorieren der damals durchgemachten Erkrankung. Zunächst gute Unterstützung durch Hausärztin und Behandlerin / blinden Behandler … dann unzählige Fehldiagnosen, Ignoranz, Überheblichkeit und vieles mehr von ärztlicher Seite / Therapeutenseite.

    Dr. Brauer ist ein Arzt der klaren Worte – das gefällt mir persönlich sehr, vor allem hat er beide Seiten im Blick, zeigt gerade auch den Ärzten / Therapeuten was zu verbessern ist, schief läuft …. er hat einen prima Fragebogen für ein bevorstehendes Arzt – Patientengespräch entwickelt ….

    ENDLICH EIN FACHMANN, der bestätigt, was viele von uns fühlen, wissen, kennen, erleiden, erleben …. Schön, das es ihn gibt, denn dadurch erfahren wir Wertschätzung, Achtung, Anerkennung und ich habe das Gefühl, ernst genommen zu werden. DANKE sagt Inge Hellmann

  3. Lothar sagt am 20.08.2015 um 09:13:

    Danke, Inge, für den Kommentar!

  4. Stephan G. Schulz sagt am 24.08.2017 um 03:02:

    Als Betroffener fehlen mir alternative Behandlungsmethoden
    MFG. Stephan aus Schleswig

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