Reha-Kliniken für Poliobetroffene

Dass sich die Ignoranz von Ärzten auch schon mal gerne mit fehlendem medizinischen Fachwissen paart, ist ein weit verbreitetes Übel. Das trifft den medizinisch bedürftigen Poliopatienten besonders hart. Von Lothar H. Epe

Eine zertifizierte Klinik für Poliobetroffene: Die Rehaklinik „Miriquidi (Foto: Rehabilitationsklinik Miriquidi Themalbad Wiesenbad)

Neben der richtig angewandten Physiotherapie ist die stationäre Reha eine der tragenden Säulen bei der Behandlung von Kinderlähmungsfolgen. Wichtig ist hierbei, die Rehamassnahme in einer Klinik durchzuführen, die sich mit den Folgen einer Kinderlähmung, insbesondere mit dem Post-Polio-Syndrom auskennt. Insofern ist es dann wiederum wichtig, Kliniken nach ganz konkreten Kriterien zu zertifiziert, damit Betroffene auch sicher sein können, in einer Rehabilitationsklinik behandelt zu werden, in der diese Kriterien auch berücksichtigt werden. Eine unsachgemäße Behandlung kann sich schließlich negativ, ja sogar fatal auf den Gesundheitszustand des Menschen mit Kinderlähmungsfolgen auswirken.

Nur eine Handvoll Kliniken zertifiziert

Zudem kostet eine falsche Behandlung den Kostenträger und somit auch die Allgemeinheit unnötig viel Geld. Für Betroffene ist es in einem solchen Fall sogar besser, zu hause bleiben, um so wenigstens einen möglsichweise entstehenden gesundheitlichen „Kollateralschaden“ zu vermeiden.

Der Bundesverband Polio e. V. bemüht sich seit Jahren um die Lösung dieses Problems und hat inzwischen mehrere Rehabilitationskliniken deutschlandweit nach ganz konkreten Kriterien zertifiziert.

Man darf sich aber durchaus auch fragen, wieso in all den vielen Jahren erst eine Hand voll Kliniken zertifiziert werden konnten. Die Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Einerseits kennen sich nur eine Hand voll Ärzte wirklich mit den Spätfolgen der Kinderlähmung aus. Dies gilt insbesondere für das sogenannte Post-Polio-Syndrom.

Andererseits ist die Ignoranz unter Ärzten, die sich auch gerne dann auch gerne mal mit fehlendem medizinischen Wissen paart, immer wieder und (fast) überall in den Arztpraxen und Kliniken der Republik für die Betroffenen ein andauerndes Ärgernis. Wer will sich da noch wundern, dass sich überhaupt nur eine Hand voll Rehakliniken mit den Poliospätfolgen befassen.

Kommt hinuzu, dass die Kriterien der Zertifizierung sehr streng. gehandhabt werden, was Sinn macht, damit sich der Betroffene in einer solchen Klinik auch wirklich gut aufgehoben fühlen kann.

Letztlich brauchen auch die Kostenträger realistische Anhaltspunkte, die es Ihnen ermöglichen, Betroffene einer Rehabilitationsklinik zuzuweisen, die gewährleiste kann, dass dort eine adäquate und angemessene Behandlung erfolgt, Betroffene auch vom Kostenträger bei der Suche nach der für sie richtigen Rehabilitationsklinik unterstützt werden können.

Probleme mit noch schärferem Kaliber

Und als ob das alles noch nicht schwierig genug wäre, kommen weitere Probleme um die Ecke, die ein noch deutlich „schärferes Kaliber“ darstellen. Während von führenden Experten auf dem Gebiet der neurologischen Erkrankung „Post-Polio-Syndrom“ eine Reha-Kur im jährlichen Rhythmus empfohlen wird, ist eine Genehmigung durch den Kostenträger oftmals auch bei dem im allgemeinen üblichen „Vierjahresrhythmus“ schon sehr schwer durchzusetzen.

Einige Betroffene berichten allerdings auch immer mal wieder, dass ihnen bereits seit Jahren jährlich eine entsprechende Reha-Kur bewilligt wird, was oftmals auf die „Zugänglichkeit“ der zuständigen Sachbearbeitung zurück geführt wird. Es kann sich also lohnen, mit dem zuständigen Sachbearbeiter das Gespräch zu suchen, wenn es bei der Bewilligung Probleme gibt.

Das eine ist also, eine Rehabilitationsklinik zu finden, die sich mit den Folgen der Kinderlähmung auskennt. Das andere ist aber oftmals, den Kostenträger davon zu überzeugen, die notwendige Reha-Kur zu bewilligen.

Ein ziemlich beliebtes Argument für die Ablehnung einer Reha-Kur durch den Kostenträger ist der immer wieder gern genommene Verweis darauf, dass die ambulanten Möglichkeiten längst noch nicht ausgeschöpft seien.

Nicht „ausgeschöpfte ambulante Möglichkeiten“ und anderer Unsinn

Warum aber ist nun der von den Kostenträgern gerne mal als Begründung für die Ablehnung einer stationären Reha genommene Verweis auf die „bisher nicht ausgeschöpften ambulante Möglichkeiten“ für eine stationäre Reha ein völliger Unsinn, wenn es um die „Wiederherstellung von Poliobetroffenen“ geht?

Eine stationäre Rehabilitation ermöglicht es dem von den Poliospätfolgen betroffenen Menschen, unter geringstem körperlichen Aufwand innerhalb einer auf ein paar Wochen beschränkten Zeitspanne relativ viele Therapieeinheiten durchzuführen, da die Wege innerhalb einer Reha-Einrichtung kurz und in der Regel gut aufeinander abgestimmt sind.

Eine ambulante Reha hingegen erfordert sehr viel mehr körperlichen Aufwand, verbunden mit täglichen An- und Abfahrten, ggf. sogar zu verschiedenen Behandlungsadressen, die zum Teil weit auseinander liegen, was den angestrebten Behandlungserfolg zunichte macht, bevor er überhaupt die Möglichkeit hatte, einzutreten.

Auch die Entlastung vom familiären Alltag, der gerade für einen durch die Polio geschädigten Patienten sehr anstrengend sein kann, ist eine sehr konkrete Hilfe und ein geradezu zündendes Argument für eine erfolgreiche Rehabilitation.

Stehen die Menschen mit Kinderlähmungsfolgen noch im Berufsleben, ist die Bewilligung einer Reha-Kur in aller Regel und grundsätzlich kein besonders großes Problem, weil es für den Kostenträger bei der Entscheidung über eine Bewilligung der Massnahme entweder um die Erhaltung der Arbeitskraft oder um die Feststellung der zukünftigen Arbeitsfähigkeit geht, also um die Frage, ob der Patient möglicherweise sogar „verrentet“ werden sollte.

Im Rentenbezug gehen die Probleme est richtig los

Die Probleme bei der Bewilligung einer Reha-Kur beginnen gerne und mit schöner Regelmässigkeit, wenn der Betroffene schon verrentet ist. Dann nämlich wird die Bewilligung zum echten Kostenfaktor für den Träger.

Grundsätzlich ist es jedenfalls ganz wichtig und hilfreich, den behandelnden Arzt schon bei der Antragstellung der Reha-Maßnahme darum zu bitten, in seiner Begründung für die Notwendigkeit der gewünschten stationären Rehaunterbringung, dem Kostenträger konkrete Vorschläge für die Auswahl der Klinik zu machen und darauf zu verweisen, dass eine zertifizierte Polioklinik für den Behandlungserfolg von immenser Bedeutung ist. Und ausreichend zu begründen, warum eine ambulante Reha überhaupt keinen Sinn macht und den Behandlungserfolg sogar gefährdet. Auch der Hinweis auf die „Vermeidung der Pflegebedürftigkeit“ ist ein wichtiges Argument für die Bewilligung eine stationären Rehamassnahme.

Letztlich möchte ich Sie noch ausdrücklich ermutigen, sich auf keinen Fall vom zuständigen Kostenträger ins Boxhorn jagen zu lassen und ggf. auch mit professioneller Hilfe (z. B. Anwalt für Sozialrecht) Ihren berechtigten Anspruch auf die Bewilligung einer stationären Rehamassnahme in einer auf die Poliospätfolgen spezialisierten Einrichtung durchzusetzen!

Nachfolgend finden Sie zertifizierte Rehakliniken, aber auch andere Einrichtungen, mit denen Betroffene gute Erfahrungen gemacht haben bzw. die ggf. eine vernünftige Alternative zu zertifizierten Kliniken darstellen können, da Betroffene erfahrungsgemäß ganz unterschiedliche Ansätze und Motivationen haben, wenn es um die Auswahl der Reha-Klinik geht, was durchaus Sinn machen kann.Vor allem dann, wenn sich der Betroffene als aktiver Patient gut mit seiner eigenen Erkrankung auskennt.

Es sei noch darauf hingewiesen, dass es sich bei den hier erwähnten Kliniken, die nicht zertifiziert sind, zum Teil auch um Akutkrankenhäuser handelt, die zwar ggf. Erfahrungen mit der Behandlung der Poliospätfolgen haben, aber keine Reha-Kliniken im eigentlichen Sinne sind.

Folgende Reha-Kliniken wurden bisher vom Bundesverband Polio e. V. zertifiziert

Klinik Hoher Meißner, Bad Sooden-Allendorf, Neurologische Abteilung

Klinik Miriquidi, Thermalbad Wiesenbad,Gesamte Klinik

Rheuma-Klinik Bad Bramstedt, Neurologische Abteilung

Quellenhof Bad Wildbad

Rehaklinik Raupennest, Altenberg

Asklepios Klinik Schaufling

Andere Kliniken, mit denen Betroffene gute Erfahrungen gemacht haben oder die auf der Seite des Bundesverbandes Polio e. V. aufgeführt sind (es handelt es sich teilweise um Akutkrankenhäuser, die keine Reha-Kliniken sind, nähere Einzelheiten bitte bei der Klinik selbst erfragen):

Asklepios Weserbergland-Klinik in Höxter, Neurologische Abeilung

Nordsee Reha-Klinikum St. Peter Ording

Diana-Klinik, Bad Bevensen

Rhein-Sieg-Klinik, Nümbrecht

Robert-Koch-Krankenhaus Apolda

Medical Park Bad Rodach

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