Polionauten mitten im Leben: Helgoland, Du kommst mir! – Eine Bildbetrachtung von Lothar Epe

LoepeVom ersten Eindruck noch völlig erschlagen, nehme ich zur Kenntnis, mehr langsam, ja bedächtig, dass ich zwar körperlich anwesend, mental aber längst nicht in der Lage bin, wirklich zu begreifen, was da mein Gemüt zur Explosion bringen will.

So, als wollte ich diesen Umstand nicht zur Kenntnis nehmen, versuche ich, diesen mich schier zermalmenden Eindruck aufzusaugen, mit beiden Händen festzuhalten, ja dafür Sorge zu tragen, dass er mir um alles in der Welt nicht mehr verloren geht, mir Süchtigem!

Ein riesiges Monument, ein mächtiger Flieger, ja so eine Mischung aus Starfighter und Airbus ist es, was sich da vor in mir ausbreitet, von der Unter- zur Oberinsel in sattem Grün aufsteigend, jedenfalls von unten her in sattem Grün beginnend und nach oben hin in kargem, fast rotem Sandsteinfelsen endend.

Etwa in der Mitte des linken Flügels verkünden zwei riesige Krater die Gefangenschaft; wie von Bomben glatt gesprengte Löcher kommen sie daher, zur Tarnung satt eingegrünt.

Während dessen bedroht eine gewaltige Sturmflut, die sich tosend durch überdimensionales Meeresrauschen ankündigt, und schützt der Fels in der Brandung am oberen Ende der Insel.

Auf der Unterinsel vor dem ersten, moosig grünen Damm, der wohl die Häuser der Ureinwohner von den Wohnungen der Feriengäste trennen will, geben sich in Reihe und auch übereinander angeordnet so was wie Feriendomizile irgendwie nur schemenhaft zu erkennen, so als wollte sich das Gesamtbild dem Betrachter um keinen Preis der Welt verschandeln lassen.

Vorne, in der Spitze des Fliegers, also am Ende der Oberinsel, steht die Lange Anna, ein Fels im Fels und in der Brandung.

Den Widerspruch herausfordernd, erhebt sie sich ganz in der Ferne und als vermeintlich höchster Punkt der Insel, aber auf jeden Fall als so etwas wie die Zugspitze von Helgoland.

Gleichzeitig wird die monumentale Vision, mehr rechts und links als in der Mitte, von kräftig pulsierenden Lebensadern durchdrungen, die dafür sorgen, dass sattes Grün und pralles Leben jederzeit die Sinne erfreut.

Dieses herrliche Ungetüm, das sich jedoch und jederzeit als Insel preisgibt, von Wassern mal stürmisch umspült, mal sanft umspielt, kennt keine Gnade!

Es nimmt dich gefangen, ja legt dich in Ketten und zwingt dich, den von Lust durchtränkten und von Gefühlswallungen durchwirkten Betrachter, bis zum nicht absehbaren Ende auszuharren, das nicht wirklich in Worte fassbare Farbenglück, dieses verzückenden Ereignis mit bittersüßem Schmerz zu ertragen.

Zwingt dich, den Fassungslosen, das von den Gezeiten komponierte und von kriegslüsterner Menschenhand manipulierte Manifest der Evolution und seiner Erben mit allen Sinnen aufzusaugen und daran zu ertrinken.

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4 Kommentare

  1. Ilke Schönenberg sagt am 08.04.2011 um 17:50:

    …mir ist deine „Bildbetrachtung“ noch aus „Gedichteforen“ in Erinnerung – trotzdem, immer wieder schön.

    Meine Lieblingsprosa „Das Lesezeichen“. Du hast echt
    Talent…Herzen zu berühren.

  2. Lothar sagt am 08.04.2011 um 18:28:

    Wow, danke, Ilke!

    ein bisschen positive Resonanz tut richtig gut…

    Wenns nur einem/einer gefällt, wars die „Mühe“ schon wert….

  3. Iris sagt am 09.04.2011 um 16:32:

    Mir gefällt es auch. Sehr.

  4. Lothar sagt am 09.04.2011 um 18:16:

    Danke, Iris!

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